Buch: Superforecasting

von Phillip E. Tetlock und Dan Gardner

In der Regel beschränke ich mich hier bei den Büchervorstellungen auf Bücher, die in deutsch verfügbar sind. Für das heutige Buch, das ich kürzlich geschenkt bekommen habe, mache ich eine Ausnahme, weil ich es sehr gelungen finde. Oberflächlich gesehen hat es nichts mit Investitionen zu tun, aber auf den zweiten Blick sind wertvolle Informationen für jeden Value Investment Prozess enthalten.

Ein Buch von Nate Silver zu einem ähnlichen Thema habe ich hier schon vor etwa zwei Jahren vorgestellt. Mein Fazit damals lautete „Ich fand das Buch sehr interessant und kann es nur weiterempfehlen. Allerdings ist es nicht unbedingt was für Praktiker, also bitte keine Bedienungsanleitung „wie prognostiziere ich richtig“ erwarten.“ Das ist in Superforecasting anders. In diesem Buch geht es auch darum, welche praktischen Ansätze und Verhaltensweisen zu besseren Prognosen führen.

Die Autoren: Philip E. Tetlock und Dan Gardner

Philip E. Tetlock

Philip E. Tetlock ist Professor an der University of Pensylvania. Er lehrt in den Fachbereichen Psychologie und Politologie sowie an der Wharton Business School. Mit dem oben genannten Nate Silver und Nassim Taleb (bekannt durch den schwarzen Schwan) hat er schon zusammengearbeitet. Er scheint der Hauptautor zu sein, denn das Buch ist in der Ich-Form aus seiner Sicht geschrieben.

Dan Gardner

Dan Gardner ist Journalist und Buchautor.

Superforecasting

Gleich im zweiten Kapitel ziehen die Autoren einen interessanten Vergleich zur Medizin heran, um die aktuelle Lage der (politischen) Prognosen zu veranschaulichen. Über Jahrhunderte haben Ärzte ihre Patienten nach bestem Wissen und Gewissen behandelt. Dabei war für sie sonnenklar, dass ihre Behandlungsmethoden hilfreich sind. Bei Patienten die sich erholten war es auf die Behandlung zurückzuführen. Patienten die starben waren einfach nicht mehr zu retten gewesen. Erst nach dem 2. Weltkrieg haben sich doppelte Blindtests als Standard etabliert, mit denen Medikamente auf Ihre Wirksamkeit geprüft wurden.

Folgende Geschichte macht deutlich, dass bis heute die allermeisten Prognosen solchen Tests nicht zugänglich sind:

Steve Ballmer hat 2007, damals war er CEO von Microsoft, vorhergesagt, dass das iPhone von Apple keine Chance auf einen signifikanten Marktanteil hat. Diese Prognose wird von Forbes, auf den ersten Blick völlig zu Recht, als eine der schlechtesten Technologie Prognosen aller Zeiten aufgelistet. In dem Buch schaut man sich seine Prognose allerdings genauer an, denn aus der Prognose oben ergeben sich mehr Fragen als Antworten. Was ist signifikant? Marktanteil von was? Smartphones oder alle Mobiltelefone? Welcher Markt? Nordamerika oder Welt? In welchem Zeitraum? In dem Interview aus dem die Prognose stammt, geht es auch noch weiter und Ballmer sagte, dass er erwartet, dass Apple viel Geld mit dem iPhone verdienen wird, obwohl er ihnen nur einen Marktanteil von 2% bis 3% am globalen Mobiltelefon Markt zutraute. Im dritten Quartal 2013 hatte Apple tatsächlich einen Marktanteil von 6%. Das ist natürlich höher als von Ballmer prognostiziert, aber nicht so viel höher, dass man die Prognose zu den schlechtesten aller Zeiten zählen könnte. Der Punkt an dieser Geschichte ist, dass die meisten Prognosen so wage formuliert sind, dass man fast nie sagen kann, das sie eindeutig nicht eingetreten sind.

Die Autoren haben hingegen ein wissenschaftliches Projekt begonnen und in dem Experten und Laien Prognosen so abgegeben haben, dass sie auch kontrolliert werden konnten. Das Ergebnis war, dass es tatsächlich Menschen gibt, die konsistent gute Prognosen abgegeben. Die Analyse von deren Vorgehen hat ergeben, dass es sich lohnt folgende Regeln zu beachten:

  1. Keine unmöglichen Prognosen versuchen
    Man kann z.B. versuchen den Ausgang der nächsten US Präsidentschaftswahl zu prognostizieren, aber den Ausgang der Wahl im Jahr 2028 zu prognostizieren ist unmöglich.
  2. Probleme in kleinere Probleme zerlegen und diese zunächst einzeln betrachten
  3. Die richtige Balance zwischen Adler und Froschperspektive finden
    Die Ergebnisse haben gezeigt, dass es sich lohnt erstmal die großen Faktoren anzuschauen und sich nicht in den Details der konkreten Frage zu verlieren. Das hat etwas mit dem Ankereffekt zu tun. Mit der Adlerperspektive nähert man sich erstmal grob der richtigen Richtung und die notwendigen Detail-Anpassungen erfolgen dann von einem passenden Ankerwert und nicht von einem willkürlichen wie 50:50.
  4. Die richtige Balance zwischen Über- und Unterreaktion auf neue Hinweise finden
    Indirekte Hinweise können dazu führen, dass man etwas früher als andere kommen sieht oder dass man auf eine falsche Fährte gelockt wird. Die Kunst ist es nicht zu selbstsicher zu werden und die eigenen Prognosen in kleinen Schritten anzupassen.
  5. Die richtige Balance zwischen zu viel und zu wenig Selbstvetrauen finden
    Die Gefahr von Selbstüberschätzung ist groß. Die besten Testteilnehmer waren sich immer ihrer begrenzten Einsichten bewusst. Es hilft aber auch nichts, wenn man zu vorsichtig bleibt und alles immer nur im Bereich der totalen Unsicherheit ansiedelt. Denn dann bekommt man nie Prognosen, die einen Mehrwert bieten.
  6. Aktiv nach Gegenthesen suchen
    Der Mensch tendiert dazu, Argumente so zu lesen, dass sie seine Meinung bestätigen. Die Kunst ist es offen zu bleiben seine Meinung zu ändern. Hilfreich ist es zu überlegen, welche Beweise einen dazu bringen würden seine Meinung zu ändern und darauf zu achten, ob es Anzeichen für diese Beweise gibt.
  7. Die Ergebnisse vergangner Prognosen kontrollieren
    Nachdem die prognostizierten Ereignisse eingetreten sind, sollte man kontrollieren, womit man richtig lag und womit falsch. Dabei sollte man beachten, dass auch richtige Prognosen nicht unbedingt aus den erwarteten Gründen richtig waren.

FAZIT

Wenn man als Value Investor an der Börse investiert, liegt dem implizit eine Prognose zu Grunde. Nämlich die Prognose, dass der Wert des Wertpapiers, das man kauft, höher ist als der Preis an der Börse. Ich halte es deshalb auch für die Börse hilfreich das Buch zu lesen und die oben genannten Empfehlungen für bessere Prognosen zu beachten.

P.S. Das Buch ist erst letztes Jahr erschienen und war beim Economist auf der Liste der besten Bücher des Jahres 2015. Wer also findet, dass das Buch spannend klingt, es aber nicht in englisch lesen kann, muss hoffentlich nur etwas warten. Das Buch hat es in meinen Augen auf jeden Fall verdient übersetzt zu werden.

 

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