Buch: Analyse von Bank- und Versicherungsbilanzen

von Dr. Viktor Heese und Dr. Thomas Kohlhase

Normalerweise lasse ich bekanntlich die Finger von Banken und Versicherungen. Zwar finde ich den Finanzsektor sehr spannend und arbeite selber darin, aber gleichzeitig bin ich der Meinung, dass man aus den öffentlichen Reportings zu wenig über die zugrundeliegenden Geschäfte ableiten kann. Bei Industrie Unternehmen ist es einfacher. Wenn ein Umsatz getätigt wurde, war er profitabel oder auch nicht. Wesentliche Risiken drohen hieraus in der Regel nicht mehr. Banken und Versicherungen schließen hingegen Geschäfte ab, die jahrelang profitabel wirken, bevor sich Risiken materialisieren können, die weit über die bisherigen Gewinne hinausgehen können.

Ich bin zufällig auf dieses Buch gestoßen und habe dankenswerterweise ein Rezensionsexemplar erhalten, so dass ich der spannenden Frage nachgehen konnte, ob Bank- und Versicherungsbilanzen vielleicht doch besser analysiert werden können als ich bisher dachte.

Autoren

Dr. Viktor Heese hat den Teil über Bankbilanzen verantwortet. Er ist Privatdozent und war zuvor über 30 Jahre als Analyst unter anderem bei der Deutsche Apotheker und Ärztebank sowie der Deutsche Bank tätig.

Dr. Thomas Kuhn war zuständig für den Teil über Versicherungsbilanzen. Er ist Senior Credit Analyst bei der Talanx Asset Management GmbH und war zuvor langjährig in der Kreditanalyse unter anderem bei der Deutsche Bank tätig.

Teil I: Bankbilanzen

Der Bankenteil beginnt mit einigen grundlegenden Erläuterungen zur Regulierung von Banken, z.B. zum Stichwort Basel III und den verschiedenen Geschäftsmodellen denen Banken nachgehen können. Die Geschäftsmodelle unterscheiden sich sehr stark und gehen von den sehr breit aufgestellten Universalbanken bis zu Spezialbanken z.B. passend zu meinem blog Immobilien- und Pfandbriefbanken. Entsprechend unterschiedlich sehen die Bilanzen und GuVs aus. Ebenfalls ein Kapital wird der Systemrelevanz von Banken gewidmet. „Too big to fail“ dürfte heute fast jedem geläufig sein. Wenn man eine Bank als Geschäftspartner analysiert, ist das sicherlich ein nicht zu unterschätzendes Thema. Als (potentieller) Aktionär braucht man sich dazu wohl keine großen Gedanken zu machen.
Nach dem breit aufgestellten Einstieg geht es dann spezifischer um die Analyse von Banken und zwar nach dem sogenannten CAMELS Schema:

Capital Adequacy / Kapitalausstattung
Asset Quality / Qualität der Aktiva
Management
Earnings / Ertragslage
Liqudity / Liquiditätslage
Sensitivity to market risks / Empfindlichkeit gegenüber Marktrisiken

Diese 6 Punkte werden im Buch einzeln erläutert und leuchten mir durchaus ein. Asset Quality wird dabei allerdings eher unter dem Aspekt der Streuung betrachtet, z.B. Streuung nach Regionen oder Geschäftsfeldern. Bezüglich der eigentlichen Qualität z.B. eines Kreditbuchs kann man leider nichts sagen. Das wird in dem Buch bestätigt. Im Anschluss an die Vorstellung der Kriterien werden noch auf mehreren Seiten hilfreiche Fragen aufgezählt, deren Beantwortung dabei hilft die CAMELS Kriterien richtig zu beurteilen, z.B. „Wie ist die (Kredit-)Risiko-Kultur der Bank ausgeprägt?“ Ich habe lange keinen Bank Geschäftsbericht von vorne bis hinten gelesen. Beim lesen des Buchs war ich aber bei einigen vorgeschlagenen Fragen skeptisch, ob man sie nur mit öffentlichen Reportings beantworten kann. Allerdings richtet sich das Buch ja nicht nur an Leser, die außer dem Geschäftsbericht nichts haben, insofern sind sie schon berechtigt.

Teil II: Versicherungsbilanzen

Der Teil über Versicherungen beginnt erstmal mit den grundlegenden Unterschieden zwischen Sach- und Lebensversicherungen. Danach schließt sich ebenfalls ein regulatorischer Teil an. Im Anschluss werden die HGB (üblich für Einzelabschlüsse) und IFRS (üblich für Konzernabschlüsse) für Sach- und Lebensversicherungen erläutert. Diese sind wesentlich anders aufgebaut als Industrie-Bilanzen. Die Unterschiede und verschiedene Quoten zur Erfolgsbeurteilung werden verständlich erklärt. Im Sinne einer Beurteilung einer Versicherung finde ich den Teil Versicherungsteil schwächer als den Teil über die Banken. Es gibt dazu zwar auch ein bisschen, aber für meinen Geschmack bleibt es dabei zu sehr im Allgemeinen.

FAZIT

Ich habe beim Lesen empfunden, dass beide Autoren sehr viel von der Materie verstehen. Das Buch ist klar gegliedert und mit etwas Vorkenntnis in Bilanzierung sehr gut verständlich. Ich habe einige interessante Details über die Regulierung und Bilanzierung von Banken und Versicherungen gelernt. Allerdings können die Autoren auch nicht zaubern, d.h. meine Meinung, dass man die Qualität der aktuell abgeschlossenen Geschäfte von Banken und Versicherungen kaum bis gar nicht beurteilen kann, wurde durch beide Autoren aus meiner Sicht explizit bestätigt.

Trotzdem bin ich jetzt mehr als zuvor der Meinung, dass man auch in Banken und Versicherungen investieren kann. Um das fundiert zu tun, muss man allerdings zumindest intensiv über die Historie und die Konkurrenz im Bilde sein. Änderungen im Zeitablauf, andere Kennzahlen als vergleichbare Konkurrenz und kritische Fragen der Analysten bei den heutzutage in der Regel veröffentlichten Quartals Conference Calls können einen in die richtige Richtung weisen. Das richtig machen zu wollen kostet aber sehr viel Zeit und deshalb halte ich mich bei Banken und Versicherungen erstmal weiter zurück.

2 Gedanken zu „Buch: Analyse von Bank- und Versicherungsbilanzen

    1. Value Mario Artikelautor

      In dem verlinkten Artikel bekommt man ganz gut die absoluten Basics. Das Buch geht dann doch wesentlich mehr in die Tiefe, wie es bei Buch vs. Blog Artikel auch sein sollte.

      Antworten

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